Nalma – was wirklich zählt im Leben lernt man hier – Menschlichkeit

Nach dem ich auf meiner Reise so viel Wunderbares erleben, viele inspirierende Menschen kennenlernen durfte und ein grosses Stück gewachsen bin, wollte ich nun auch was für andere tun. Nepal erschien mir als der perfekte Ort dafür.

Gleich zu Beginn, kurz nach meiner Ankunft in Kathmandu hat mich das Land verzaubert. Nepal und seine Menschen haben was ganz einzigartiges an sich, was ich noch in keinem Land zuvor so gefühlt hab.

Gleichzeitig gibt es sehr viel Armut hier, viel zu tun und viele grossartige Projekte und NGOs. Bereits in Neuseeland habe ich mich informiert und für das kleine Entwicklungsprojekt „Nalmaste“ entschieden. Diese Entscheidung war eine besten meiner gesamten Reise.

Die letzten beiden Wochen in Nepal habe ich also im kleinen Bergdorf „Nalma“ verbracht. Doch dahin muss man erst mal kommen. Einen Weg dorthin gibt es seit wenigen Jahren, ein „Bus“ verkehrt einmal täglich. Ansonsten bleibt einem nur ein langer Fussmarsch übrig. Für mich ging’s von Pokhara aus, in einem bis zum Dach mit Menschen und allem Möglichen vollgestopften Bus nach Besi Sahar. Von dort aus geht einmal täglich der besagte Bus nach Nalma und die umliegenden Dörfer. In Besi Sahar angekommen musste ich erst mal rausfinden, wo dieser Bus genau abfährt was nicht ganz einfach war. Eine konkrete Antwort habe ich nirgends bekommen, überall nur ein „ja“. Ich vermute, einen konkreten Abfahrtsort gibt’s hier gar nicht. Der hält einfach dort, wo Leute einsteigen wollen. Ich hab mich jedenfalls in ein lokales Restaurant an einer dieser „Haltestellen“ gesetzt und zu Mittag gegessen. Bis plötzlich der Wirt mit ner grauen, kleinen Omi, ner Mama und ner kleinen Tochter im Schlepptau an meinen Tisch kam. Keiner sprach auch nur ein Wort Englisch, aber er hat mir zu verstehen gegeben, dass die drei wohl auf den gleichen Bus warten. Ich solle mich später also an sie hängen. Ich hab meinen Tee also weiter geschlürft und gewartet. Bis plötzlich die kleine fünfjährige Maus zu mir kam, meine Hand genommen und mich abgeholt hat. Mit den drei Damen im Schlepptau, meinem Gepäck und derer Einkäufe sind wir zunächst von einem Ort zum nächsten gelaufen und haben gewartet bzw. hat die Mama noch Besorgungen getätigt. Was die drei genau vorhatten hab ich nicht verstanden. Bin einfach hinterher gewatschelt und hab geduldig gewartet. Irgendwann an einem unserer zahlreichen Stopps kam dann auch ein Bus, in den wir eingestiegen sind. Bis der schlussendlich mit allen Leuten und Sachen voll beladen war (in Nepal heisst „voll“ wirklich voll bis unters Dach und aufm Dach) vergingen nochmal 1,5 Stunden. Aber schlussendlich haben wir uns über ganz üble Geröllpisten (daheim würden wir keinen Traktor auf so nem Weg den Berg hinauf jagen) den Berg hinaufgehangelt und allerlei in den Dörfern abgeladen. Ziemlich am Ende, nach einer etwa dreistündigen Fahrt sind wir dann auch in Nalma angekommen. Meine drei Reisegefährtinnen habe ich leider nicht mehr gesehen, zum ordentlich Danke sagen.

„Rabindra“, er ist einer der Gründer des Projekts und managt alles vor Ort, hat mich abgeholt und zum Haus seiner Familie gebracht. Dort wurde ich von der ganzen Familie unglaublich herzlich mit Tee und Keksen empfangen. Zur Familie gehören neben Rabindra (27) seine Schwester „Shanti“ (23), „Ama“, „Baba“ und „Aunty“. „Ama“ und „Baba“ bedeuten „Mama“ und „Papa“ auf Nepali. In Nepal gilt es als äusserst unhöflich, ältere Personen mit dem Vornahmen anzusprechen. Sie sind daher automatisch „Mama“, „Papa“ oder „Tante“ für alle. Ausserdem gehören zur Familie einige Ziegen und Hühner und ein grosser Gemüsegarten.

Ausser mit waren zur Zeit meiner Ankunft noch ein französisches Pärchen (Anais und Nico) da. Die nächsten Tage wurde es um einiges voller. Es kamen weitere Leute aus Frankreich, Spanien und den USA an. Einige blieben nur für ein paar Tage, andere länger.

Ich hatte mein eigenes mini Zimmer im Schulgebäude über den Klassenzimmern. Anais, Nico und ich haben beim Unterrichten in der Schule geholfen. Die waren für die Gartenarbeit zuständig  und haben die Zimmermänner beim Bau zweier neuer Volunteer-Zimmer unterstützt.

Meine Tage in Nalma waren alles andere als langweilig. Ich hatte jede Menge zu tun. Schule hatten wir täglich (ausser Samstag) von 10 Uhr – 15.30 Uhr. Ich hab ausserdem jeden Morgen von 6.30 Uhr – 8.00 Uhr Yoga für alle im Dorf angeboten. Am ersten Tag hatte ich eine Teilnehmerin. Doch es hat sich schnell rumgesprochen. Sehr schnell wurden es mehr und mehr und schlussendlich waren wir täglich 5 – 8 Leute. Wenn‘s den Volunteers nicht zu früh war, waren einige dabei, aber auch viele der einheimischen Frauen waren extremst motiviert. Das hat mich besonders gefreut.

Für nachmittags hatte ich zusätzlich mein eigenes kleines „Projekt“. Nach der Schule bin ich täglich zu nem Geschwisterpärchen (Parbati, 10 und Bijay, 8) gegangen, um mit ihnen zu lernen. Die beiden kommen aus ganz schwierigen Verhältnissen und haben (vor allem Bijay) extremen Nachholbedarf in der Schule. Das habe ich in der kurzen Zeit so gut es ging versucht. Ich habe dieses Projekt quasi gestartet und hoffe ganz stark, dass es weiter geführt werden kann. Die beiden waren so dankbar, dass sich jemand mit ihnen abgibt und sich Zeit für sie nimmt. Wir hatten viel Spass zusammen. Ausserdem ist es für Bijay sehr, sehr wichtig, den Anschluss in der Schule nicht zu verlieren.

Und danach hab ich Ama und Shanti ganz oft in der Küche beim Kochen fürs Abendessen geholfen. Hab ganz viel geschnibbelt, Teig geknetet und ausgerollt oder einfach nur zugeschaut und gestaunt, welch grossartige Gerichte mit so wenig Gerätschaften und nur auf ner Feuerstelle zubereitet werden können.

Wie ihr seht, meine Tage waren vollgepackt, aber unglaublich bereichernd.

Gegessen haben wir unglaublich lecker. Zum Frühstück und Abendessen gab‘s in der Regel jeden Tag was anderes, manchmal auch Dal Bhat. Mittags haben wir uns täglich am traditionellen Dal Bhat bedient (hier gab’s das Beste in ganz Nepal!). Auch nach drei Wochen täglich ein- bis zweimal könnt ich mich immer noch reinlegen.

An meinem ersten Tag in der Schule hatte ich gleich zu Beginn ne ganz, ganz tolle Überraschung. Ich bin an den Klassenzimmern vorbei gelaufen und wer stand da vor dem Zimmer der kleinsten und hat mich aus grossen, dunklen Kulleraugen angeschaut?! Es war „Alisha“, das kleine Mädchen, das mich mit Mama und Oma in Besi Sahar aufgesammelt hat. Sie wohnt also in Nalma. Ich hab mich riesig gefreut, sie nun wahrscheinlich täglich zu sehen. Von nun an hing sie jede Pause an meiner Hand. Ausserdem wohnt sie gleich neben Parbati und Bijay und war somit jeden Tag auch bei unseren Lerneinheiten mit dabei. Mit drei Kindern in unterschiedlichen Klassen war‘s entsprechend anstrengend, Nerven- und zeitintensiv aber auch total schön und unterhaltsam.

Das waren meine Tage und sie vergingen rasend schnell. Die Schulstunden waren extremst anstrengend. Vor allem bei den kleinen. Jeder der Volunteers hat eigenständig unterrichtet. Einen wirklichen Lehrplan gibt es nicht. Auch von einem Stundenplan hat hier noch keiner was gehört. Man sucht sich ne Klasse aus und entscheidet spontan nach nem Blick in die Bücher, was man den Knirpsen lernen will oder lässt sie entscheiden. Wär‘s nach ihren Vorlieben gegangen, hätten wir den lieben langen Tag Fussball gespielt und gemalt. Doch manchmal haben wir auch ernsthaft unterrichtet. 😉

Da der Schule nur sehr begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, ist sie auf den Einsatz der „Nalmaste Volunteers“ als Lehrer angewiesen. Inhaltlich ist das auch gar kein Problem. Das Einmaleins schafft jeder. Eine andere Liga ist es, die Knirpse in Englischer Sprache zu bändigen und bei Laune zu halten. Vor allem die kleinen, die kaum englisch sprechen sind ne echte Herausforderung. Die grossen sind einfach zu händeln. Meine Lieblingsklasse war die 2. Nicht ganz klein, nicht ganz gross, nur 6 Schüler, zwar keine einfachen, aber ich hab sie echt lieb gewonnen.

Die Schule ist ein ehemaliges Guesthouse mit gesamt 5 winzigen und mit den wenigen Materialien, die zur Verfügung stehen, liebevoll zusammengeschusterten Klassenzimmern. Hier gehen rund 50 Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren zur Schule. Da es sich um eine nicht-staatliche Schule handelt, müssen die Eltern die Schule selbst bezahlen. Das ist nicht immer einfach und sorgt in vielen Fällen für grosse Problemen. Denn das Geld ist in einigen Familien einfach nicht da. In solchen Problemfällen, konnte „Nalmaste“ für einige Kinder Paten aus Europa und den USA finden, die ihnen die ersten Jahre Schulbildung finanziell ermöglichen. Und das für unsere Verhältnisse mit wirklich nicht viel Geld. Das Schöne an solch kleinen Projekten ist (besonders wenn man sie kennt), dass man weiss, dass das Geld nicht im administrativen Wasserkopf stecken bleibt, sondern wirklich im Dorf bzw. bei den Kindern ankommt.

In dieser Schule sind die Kinder vom Kindergarten bis zur dritten Klasse. Danach gehen sie zur Secondary School. Diese Schule ist ebenfalls in Nalma, allerdings staatlich und für die Familien daher finanziell deutlich einfacher zu bewältigen, da sie nicht bezahlen müssen.

Eines der prägendsten Erlebnisse hatte ich an meinem letzten Tag. Im Unterricht habe ich bemerkt, dass Parbati, Bijay und Alisha weder Bleistift, noch Spitzer oder Radiergummi haben. Für mich war klar, dass sich das so schnell nicht ändern würde und dass sie ohne ein Minimum an Material keine Chance haben, aufzuholen. Also bin ich zum Shop gegangen und hab für jeden nen Bleistift, Radiergummi, Spitzer und nen Block gekauft. Aus altem Papier, dass ich in der Schule im Lehrerzimmer gefunden hab, hab ich die Sachen halbwegs schön verpackt mit Namen und Schnick-Schnack (was mit meinen begrenzten Mitteln möglich war). Nach unserer letzten Lerneinheit hab ich den dreien ihre Geschenke überreicht. Ich vermute die drei haben noch nie wirklich was geschenkt bekommen. In ihren Gesichtern ging die Sonne auf. Und als sie gesehen haben, was sich drin verbirgt nahm das Strahlen ihrer Augen und ihres Lachens ein noch viel grösseres Ausmass an. Ich habe noch nie so glückliche und dankbare Kinderaugen gesehen. Und das wegen Block, Bleistift, Radiergummi und Spitzer. in Deutschland unvorstellbar. Doch wahrscheinlich haben sie sowas noch nie selbst besessen. Traurig aber gleichzeitig extremst fesselnd. Ich hatte Tränen in den Augen. Als ich mich verabschiedet hab sind auch die beiden Mamas noch mal zu mir gekommen und haben sich ganz überschwänglich bedankt.

Ich hab nicht viel getan oder gegeben, doch so viel zurückbekommen.

Ich werde die Kinder und die Zeit hier für immer in meinem Herzen behalten. Sie hat einmal mehr meine Einstellung und Denkweise bestärkt und mir gezeigt, wie wenig wir eigentlich brauchen um glücklich zu sein.

Nepal und seine Menschen haben mich gefesselt und auf eine Art in meinem Herzen berührt, wie es noch kein Land zuvor getan hat. Die vier Wochen waren viel zu kurz und ich weiss, dass ich zurückkommen werde. Das nächste Mal auf jeden Fall deutlich länger. Und ich hoffe das wird in nicht allzu ferner Zukunft passieren.

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